Larks Aufbruch ins Ungewisse part1 #Leseprobe

„Mutter, egal, was du sagst, ich werde ausziehen und die Welt erkunden.“ eröffnete Lark seiner aufgrund dieser Nachricht zunehmend verstörten Mutter.
„Aber Lark… Du weißt doch gar nicht, worauf du dich da einlässt! Was weißt du denn schon von der Welt? Dein Vater hat dir doch hunderte, wenn nicht gar tausende Male gesagt, wie gefährlich es da draußen ist.“ betonte sie sichtlich verzweifelt.
„Ich weiß, Mutter. Aber sag mir, war Vater jemals selbst ausgezogen, um wirklich sagen zu können, ob die Geschichten der Wahrheit entsprechen? Oder hat er mir immer nur erzählt, was sein Vater ihm früher selbst erzählte? Papa saß doch immer nur zu Hause auf der Couch und kaute sich bibbernd auf den Fingern herum, während er aus dem Fenster schaute!“ entgegnete er entrüstet und machte sich daran, sein Bündel zu packen.

„Aber Lark! Lark, so sei doch vernünftig! Unsere Familie ist mit ihrer Vorsicht immer sehr gut gefahren. So falsch kann das doch nicht gewesen sein! Und was passierte, wenn ein Kalur nicht der Vorsicht unseres Volkes folgte, kannst du den vielen Geschichten entnehmen. Das ging nie gut aus, Lark! So besinne dich doch bitte!“ versuchte ihn seine Mutter umzustimmen. Sie verlor mehr und mehr die Fassung und wusste sich nicht mehr weiter zu helfen. Allmählich liebäugelte sie schon damit, die nächste Stehlampe zu ergreifen und sie Lark über den Schädel zu ziehen.

„Geschichten, Geschichten über Geschichten. Natürlich habe ich Angst, Mama, aber wer kann mir denn garantieren, dass die Geschichten tatsächlich der Wahrheit entsprechen? entgegnete er mit hochrotem Kopf, was aufgrund der Kopfform ziemlich lustig aussah, da die lange Schnauze sich langsam wie ein Thermometer ebenfalls rot einfärbte.

„Wer garantiert dir denn, dass sie nicht der Wahrheit entsprechen? Irgendwo müssen die Geschichten doch auch herkommen. Die denkt sich doch keiner einfach so aus! Da sitzt doch keiner an seinem Schreibtisch und denkt sich mit sadistischer Freude Geschichten aus, um uns Kaluren Angst zu machen.“ beschwört sie ihn flehentlich. Der Autor denkt sich indes insgeheim nur ein, von einem fiesen Lächeln begleitetes, ‚Oh, wenn ihr wüsstet‘. Lark schien kurz zu überlegen. Doch dann schüttelte er entschlossen den Kopf. „Mein Entschluss steht fest, Mutter. Ich werde es riskieren und wenn ich wiederkomme, wirst du sehen, dass nichts an den Geschichten dran ist.“ Und damit nahm er seine letzten Sachen und marschierte langsam und zögerlich Richtung Tür. Doch mit jedem Schritt wurde er entschlossener und sein Schritt fester.

„Oh großer Kuluck, lass ihn feige genug sein, beizeiten wieder umzukehren.“ betete seine Mutter inbrünstig und ratlos, was sie denn noch machen solle. Kuluck ist im Übrigen der Gott der Kalure, der große Gott der Luftpolsterfolie, den die Kalure anbeten und um Feigheit und Unentschlossenheit bitten, um weiterhin ein sicheres und behütetes Leben zu führen. Welch Ironie, nicht wahr? Unsereins bittet seine Götter um Mut und Kraft, um schwierige Situationen zu bestehen oder Ungläubige mit mehr oder weniger radikalen Mitteln wegzufegen oder zu bekehren und Kalure bitten den ihren darum, sich vor Angst in die Hose zu machen und dass ihnen ihre eh schon schlacksigen Knie so sehr schlottern, dass sie gar nicht erst einen wie auch immer gearteteten Mut aufbringen, der nötig wäre um in solcherlei Situationen zu kommen.

Lark indes trat langsam aus der Tür, riskierte noch einen letzten Blick zurück und widmete sich danach dem Leitliniensystem der Siedlung. In der ganzen Siedlung wurden die wichtigsten Gebäude von auf die Wege gemalten Linien verbunden, sodass man nicht unbedacht vom Weg abkommen konnte. Die Siedlung selbst war in mehreren Ebenen kreisförmig angelegt und wenn man wieder nach Hause finden wollte, musste man nur der Farbe seiner Siedlungsebene folgen und solange im Kreis laufen, bis man vor seinem Haus stand. Um Unfälle durch plötzliches Auflaufen zu vermeiden, war ein Rechtslaufverkehr vorgeschrieben. Dies führte zu einer leicht nach links geneigten Haltung der Kalure, da sie stets rechtsrum im Kreis liefen, der natürlich von jeder Stelle aus eine stetige Linkskurve war. Es soll schon vorgekommen sein, dass Kalure aus den äußeren Siedlungsringen nicht mehr zum Stadtzentrum fanden, da sie dazu plötzlich links abbiegen mussten. Eine erste Gegenmaßnahme waren Wegezubringer, die sich dann rechts des Weges abgabelten und unter oder über den vorherigen Weg Richtung innere Kreise führten. Dies war jedoch so verwirrend für die Kalure, dass es schnell wieder abgeschafft werden musste, da die Kalure sich vor Brücken oder Tunneldurchgängen wegen Höhen- und Platzängsten sammelten und es nicht mehr voranging.

Aus der Siedlung selbst führte nur ein einziger Weg und damit auch nur eine Leitlinie, die im aüßersten Siedlungsring zum einzigen Eingang führte. Zahlreiche Hinweisschilder wiesen dabei schon weit vorher auf die vielfältigen Gefahren hin, die einem außerhalb der Siedlung zustoßen konnten. So wurde man also vielfach vor plötzlichem Tod, unerwarteten Verletzungen und unvorhersehbaren Ereignissen gewarnt, bevor man überhaupt erst den einzigen Weg über den dreifach gesicherten Wassergraben erreichte. Die Warnungen sollten dabei dem Zweck dienen, dass einem das Herz bereits in die Hose rutschte, noch bevor man auch nur in die Nähe des Siedlungsausgangs kam. Der Wassergraben grenzte die Siedlung von der Umgebung ab und war innerhalb rundum von einem hohen Zaun umgeben, der mit Schaumstoffpolstern vor plötzlichen Kollissionen und unerwartetem Ertrinken bewahrte, falls je jemand so wahnsinnig sein sollte, sich an den Rand der den Kaluren bekannten Welt zu wagen.

Lark wurde es mit jedem Knack mulmiger zumute und mehr als einmal blieb er stehen um schwer zu schlucken. ‚Es sind nur Geschichten!‘ sagte er sich immer wieder und setzte seinen Weg fort. Als er endlich an der über den Wassergraben führenden Brücke ankam, schwirrten Horrorvorstellungen von grausamen Todeskämpfen durch seinen Kopf und er war kurz davor umzukehren. Mit dem nächsten Schritt würde er sich weiter hervorgewagt haben, als die meisten Kalure vor ihm. Eine innere Panik erfasste ihn. Sein Herz begann immer schneller zu schlagen, er atmete schwer und musste sich erst einmal hinsetzen um sich wieder einigermaßen zu fangen. Uns so saß er auf der Brücke, die ihn aus der Siedlung führen sollte und einem Schicksal entgegen, das ungewiss war. Würde er den Mut fassen und heraustreten, so hatte er sich vorgenommen, dann würde er für lange Zeit nicht wieder zurück nach Hause kommen. Lange Zeit saß er und beobachtete, wie die Sonne an diesem frühen Morgen langsam aufging und die vor ihm liegende Landschaft in ein warmes Licht tauchte. Es war Zeit sich ein Herz zu fassen oder umzukehren und es zu lassen.

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