Handymanie

Den Blick durch die Runde schweifen lassend, entdecke ich hier und da ein flüchtiges Lächeln. Ein unscheinbares Zucken der Mundwinkel das sich langsam nach oben schiebt und ein charmantes und sympathisches Strahlen im Gesicht der Person freigibt. Doch gilt jenes bedauernswerter Weise meist nicht mir oder anderen, sondern den jeweiligen Smartphones die just wohl ein paar sympathische Zeilen ausspuckten. Durch die Bahn blickend fallen mir mehrere Dinge auf… Erstens, die meisten Menschen sitzen alleine. Nicht weil es genug Platz geben würde, sondern weil sie ein schon angeboren scheinendes Unvertrauen gegenüber anderen Menschen zu haben scheinen. Aus einfachen Sitzplatzbesetzern, nämlich den Rucksäcken ihrer Besitzer werden schnell auch mal Sitzblockaden, indem Menschen sich so setzen, dass sie auch auf einem Viererplatz möglichst jeden Platz durch Sitzhaltung oder Gepäckplatzierung so einnehmen, dass ein ungezwungenes dazusetzen unmöglich wird. Warum denn auch nicht? Immerhin ist Hartz IV-Verhalten heutzutage modern. Am besten mit Jogginghose, Bier in der Hand und einem Odeur, das schlechte Körperhygiene, noch schlechtere Zähne und ein ausgeprägtes Trink- und / oder Suchtverhalten vermuten lässt. Das ganze gepaart mit einer Glanzleistung an schlechtem Benehmen und wir fühlen uns gleich alle viel besser.


Ich bin ja noch einer der alten Schule, der  bevor er sich setzt, um Verzeihung bittet und fragt ob er sich dazusetzen dürfe. Und auch ich muss zu meiner Schande eingestehen, dass ich mich oft einzeln setze. Doch dadurch fällt mir auch etwas weiteres immer wieder auf: Menschen haben irgendwie Angst davor andere anzusprechen. Selbst wenn sie sich deswegen in den Gang stellen müssen, vom Zug hin- und hergeschüttelt und vom Gepäck heruntergezogen werden. Ich stelle mir dann immer vor was passieren würde, wenn just einer die Notbremse ziehen würde. Es können fünfzig einzelne Sitzplätze frei sein und doch präferieren sie es zu stehen. Nicht dass ich das als Asperger Autist nicht verstehen könnte, ich habe selbst wohl oft die größten Ansprechschwierigkeiten, aber ist die Gesellschaft denn generell zu einem so unpersönlichen Konstrukt von Individuen geworden? Was mich zu meiner nächsten Beobachtung bringt. Wie schon erwähnt ist ein Lächeln das dem Smartphone gilt heutzutage eher zu beobachten, als ein Lächeln das anderen Menschen gilt. Und ich beobachte unheimlich gerne – wenn man im Beobachten promovieren könnte, hätte ich mittlerweile bestimmt meinen Doktor in Observation. Es scheint fast so, als wäre in den Gesichtern der meisten Menschen ein versteinerter Gesichtsausdruck eingemeißelt, der ihre Meinung und Erwartung vom Leben wiedergibt. Wetter scheiße, Job scheiße, Bezahlung scheiße, Menschen scheiße… alles scheiße. Verdammt mit soviel Scheiße könnte man sicherlich durch Düngemittelherstellung die Hungerprobleme der Dritten Welt lösen. Aber zurück zum Thema. Zu dieser selbstgewählten Lebensverachtung gesellt sich ein neues Phänomen: die Handymanie. Warum reden, wenn man auch schreiben kann? Vielleicht siebzig Prozent der Leute machen nichts anderes, als fast konstant auf ihr Handy zu schauen. Egal ob zuhause, in öffentlichen Verkehrsmitteln oder gehend im Straßenverkehr. „Achtung da kommt ein Bu… …ups!“ Mediziner haben ja deswegen schon ein neues Syndrom gefunden, nein nicht den Busunfall, den Handynacken! Wobei es wirklich interessant wäre, ob seit der Einführung des Smartphones die Verkehrsunfallstatistik einen Anstieg erfahren hat.

Unsere Gesellschaft beschäftigt sich mittlerweile fast mehr mit dem Smartphone als mit zwischenmenschlichen Beziehungen. Ich würde mich nicht wundern, wenn wir demnächst nur noch App-Profile erstellen und uns unser Handy, nicht mehr unsere Augen darauf aufmerksam machen, wenn sich jemand interessantes in der Nähe befindet. Hey ich glaube da gab es letztens eine Szene in der Serie Minority Report. Dass das Smartphone-Daten mit völlig überzogenen Idealvorstellungen ein ziemlich schwieriges Unterfangen werden dürfte, ist erstmal zweitens und Tinder und Co. geben uns da sicher schon sehr exemplarische Beispiele, wie viel mehr Wert wir plötzlich auf die  Oberflächlichkeit legen „Is geil – Igitt – Süß – Hübsch – Ich glaub, ich muss kotzen – …“. Aber ich kann mir schon so richtig schön den Anfang dieser Appinduzierten Unterhaltungen vorstellen. „Bock zu texten? – Jo. – Cool.“ Einfach gigantisch – ich sehne mich schon so richtig danach, noch weniger real zu kommunizieren! Das Beenden einer Beziehung dürfte sich dann ähnlich inhaltsreich und einfach gestalten. Die SMS hat das Zeitalter eingeleitet, der Handynacken perfektioniert es „sims (schatz, ich mach schluss) – k, bye“ .
Irgendwie sehne ich mich nach den alten Zeiten, danach noch richtige Unterhaltungen zu führen – früher schrieb ich noch Briefe, man telefonierte stundenlang und konnte es kaum erwarten den anderen wieder zu sehen. Heutzutage textet man, bis man sich gegenseitig auf die Nerven geht, weil es kein Guthabenslimit mehr gibt, dass durch Unmengen SMS aufgebraucht wurde und Panik auslöste, dass man den Rest des Wochenendes vielleicht nicht mehr Kontakt halten konnte.
Naja, vielleicht bomben uns die Großmächte ja demnächst wieder zurück ins Mittelalter. Keine Handys mehr, kein Internet und wir werden gezwungen, wieder normal zu kommunizieren.

In dem Sinne, ich bestelle mir jetzt erst einmal etwas zu Essen mit dem Smartphone und facebooke mit meinen Freunden. Wäsche aufhängen auf Knopfdruck wäre jetzt geil – ich schau am besten gleich mal nach, ob es dafür eine App gibt.

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